Geschichten erzählen – heute und morgen

Ein Frage von @NiniaLaGrande auf Twitter hat mich zum Nachdenken über Storytelling und Literatur von morgen gebracht.

Mit ein, zwei Sätzen lässt sich darauf nicht antworten – erst recht nicht pauschal. Wie das Geschichtenerzählen morgen aussehen wird/sollte, hängt meiner Ansicht nach sehr stark davon ab, ob es sich um journalistische Inhalte, Sachthemen oder Fiktion handelt.

Während der vergangenen Monate habe ich einige Beiträge über all die wunderbaren Möglichkeiten gelesen, mit denen Journalisten Geschichten im Internet erzählen. Die Artikel verweisen regelmäßig auf das Snow-Fall-Projekt der New York Times. Der Leser scrollt sich durch die visuell sehr ansprechend aufbereitete Reportage über ein Lawinenunglück im Februar 2012. Filme, Bilder, Grafiken, Links, Animationen reichern die Story an. Per Mouse navigieren ich mich durch die Story. Immer tiefer tauchte ich ein, entdeckt neue Informationen, die Text allein nicht vermitteln kann. Vom tragischen Ereignis abgesehen, ein wunderbares interaktives “Lese”-Vergnügen. Auch NDR und Süddeutsche.de zeigen aktuell mit dem Projekt Geheimer Krieg, wie interaktives Storytelling funktioniert. Ebenso reizvoll aufbereitet: Die Online-Reportage auf Zeit-Online zum 100-jährigen Jubiläum der Tour der France.

Würde sich eine ähnliche Aufmachung nicht auch für längere fiktive Geschichten eignen? Sprechen uns in zehn Jahren nur noch Romane an, die den Soundtrack und passende Bilder der im Text beschriebenen Szenerie mitliefern? Will ich mir das Plattencover nicht umgehend anschauen können, das der von Liebeskummer geplagte Protagonist gerade beschreibt, mir den Song zur Stimmung nicht sofort herunterladen? Immerhin: Tablets bieten die technischen Voraussetzungen dafür. Das eBook würde zur Premiumausgabe eines Romans mit sämtlichen Extras avancieren, das gedruckte Werk wird zur günstigeren Standardversion. Verlage haben bestimmt schon über diese Möglichkeiten nachgedacht, doch erstrebenswert erscheint mir diese Präsentationsform bei fiktiven Geschichten nicht. Denn Romane gehören zu den letzten Zufluchtsorten, an denen wir nicht entscheiden müssen, welchem Reiz wir als nächstes folgen. Ich zumindest wünsche mir, dass der Autor mich leitet, ich mich zurücklehnen kann und allein der Text durch den Projektor meines Kopfkinos läuft, um dabei Bilder, Töne, Gerüche in meinem Gehirn zu “erzeugen”.

Klickangebote links und rechts eines Textes reichern informative Geschichten, Reportagen, journalistische Inhalte an. Das haben Bilder, Grafiken und Filme schon immer getan, übrigens auch im Sachbuch. Romane haben diese Elemente noch nie wirklich gebraucht, um ihre Funktion zu erfüllen – den Leser zu fesseln und ihn in eine andere Welt zu entführen. Der Literaturbetrieb von morgen braucht ganz sicher neue Vertriebs(platt)formen und weiterhin guten Nachwuchs. Neue Ideen in puncto Darstellung der Inhalte benötigt er hingegen nicht.

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